Technoclub Berghain

Gilt als die härteste Tür Deutschlands: Das Berghain in Berlin–Friedrichshain. Foto: picture alliance/dpa | Fabian Sommer

Wie kommt man am Türsteher vorbei? Das beschäftigt jetzt auch die Wissenschaft

Ein internationales Forscherteam hat wissenschaftlich untersucht, wie Clubs ihre Besucher auswählen. Warum die Auswahl schon vor dem Abend beginnt und man manchmal trotzdem nicht reinkommt.

„Heute Abend nicht, sorry“ – die Entscheidung, ob jemand in einen Club reinkommt oder nicht, fällen Türsteherinnen und Türsteher oft innerhalb von Sekunden. Ein internationales Forschungsteam hat sich mit den Mechanismen der Auswahlprozesse auseinandergesetzt und herausgefunden, welche Prozesse dahinter liegen. 

Selektion beginnt schon vor dem Moment an der Tür

Dazu führten die Forscher 38 Interviews mit Berliner Selekteurinnen und Selekteuren, Clubbesitzern, Veranstaltern, DJs, Sicherheitskräften sowie bei einem der Techno-Clubs auch mit Gästen. Als Selekteurinnen und Selekteure bezeichnen die Forscher die Türsteher, die auswählen, wer in den Club reinkommt, und wer nicht. Außerdem beobachteten sie eine Nacht lang einen Selektionsprozess mit etwa 500 Entscheidungen an der Tür eines renommierten Clubs. Dazu sichteten sie Presse- und Archivmaterial und Dokumentationen zum Thema. 

Die Entscheidung über den Einlass beginnt schon vor dem Abend dadurch, wie die Clubs sich positionieren, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Michael Kleinaltenkamp von der Freien Universität Berlin im Gespräch mit der dpa. Er erforschte die Frage nach dem Einlass gemeinsam mit Kollegen vom King’s College London und der University of Bath sowie der Karlstad University in Schweden. Sie sagen: Schon im Vorfeld finde eine Art Selbstselektion statt. 

„Jeder Club hat seine eigene Positionierung und Ausrichtung“

Grundlage dessen sei, wie die Clubs durch die Auswahl der Musik oder auch durch eine politische Haltung versuchen, eine bestimmte Kundschaft anzusprechen. „Jeder Club hat seine eigene Positionierung und Ausrichtung.“ Man könne dann davon ausgehen, dass nur die Clubgänger sich abends in die Schlange stellen, die wirklich Interesse haben und die sich einbringen wollen. 



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Natürlich seien das Ambiente des Clubs, die Musikanlage, die Bar und die Räumlichkeiten wichtig. Die Atmosphäre aber werde durch die Gäste geschaffen. „Wenn man eine gewisse Atmosphäre schaffen will, ist man darauf angewiesen, dass man die richtigen Leute hat, mit denen man diese Atmosphäre schafft.“ 

Der Wichtigste Punkt: Positiv zur Atmosphäre beitragen

Gäste müssen den Forschern zufolge signalisieren, dass sie reinwollen, und gleichzeitig an dem Abend etwas zur Atmosphäre beitragen können. „Die Clubs haben letztlich als wichtigsten Grund für das Reinlassen immer: Trägt der Mensch, der da jetzt reinkommt, zur Atmosphäre etwas bei, und zwar positiv. Das ist das Grundkriterium.“ 

Im zweiten Schritt sei es wichtig, ein soziales Kapital mitzubringen: „also dass man sozusagen diese Szene kennt, dass man diese Musik kennt, dass man bestimmte Codes kennt, wie man sich verhält“. Auch dazu würden Fragen gestellt. Oft sei die Frage, welcher DJ an dem Abend spiele, manchmal würde aber auch danach gefragt, was man vorher gemacht habe oder noch so vor habe. „Es geht darum, seine Zugehörigkeit zu beweisen.“ Dabei komme es weniger darauf an, die Fragen richtig zu beantworten, sondern viel mehr darum zu gucken, wie die Person reagiert. 

Einlasskriterien ändern sich mehrfach im Laufe des Abends

„Und dann muss man immer noch so ein bisschen was Besonderes mitbringen“, sagt Kleinaltenkamp. Man müsse sich als potenzieller Clubgast also einfügen und gleichzeitig herausstechen. Und das hänge sehr von der Atmosphäre in der jeweiligen Nacht ab. „Das ist am Anfang natürlich anders als später und das wird auch durchaus von den Leuten beobachtet.“

Die Türsteherinnen und Türsteher gehen demnach regelmäßig durch den Club, gucken wie die Stimmung ist und verändern ihre Entscheidungskriterien entsprechend. Dabei gehe es auch ums Geschlecht, also mehr Frauen oder mehr Männer, aber auch die sexuelle Orientierung, die Hautfarbe, manchmal auch die Energie, erklärt Kleinaltenkamp. „Das ist auch ein Grund dafür, warum man nicht immer reinkommt.“

Exklusion schafft Inklusion

Ein weiteres Kriterium sei die Schaffung sicherer Räume für marginalisierte Gruppen. Die Leute, die diese Szene prägen, betrachten sich in vielen Fällen durchaus als marginalisiert, sie seien auf der Suche nach einem sicheren Platz, an dem sie sich ausleben können, sagt Kleinaltenkamp. „Und das kriegt man ja nur hin, wenn man nur Leute drin hat, die eben dieselbe Haltung haben.“ Daher sei Exklusion ein wichtiger Bestandteil des Auswahlprozesses und treffe häufig diejenigen, die eher nicht-marginalisierte Gruppen angehören. 

Bei einer Ablehnung haben die genannten Gründe teils nicht unbedingt etwas mit den wahren Gründen zu tun. „`Du bringst heute nicht die richtige Energie mit´ wird beispielsweise eher nicht explizit gesagt“, sagt Kleinaltenkamp. Stattdessen hören Abgewiesene eher ein „Du passt hier heute nicht rein“, oder „Der andere Club da drüben passt heute vielleicht besser“ – wenn überhaupt.

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So ganz in die Karten schauen ließen sich viele Clubs aber nicht, auch weil die Mystifizierung dem Bild der Clubs dient. Dazu trage beispielsweise auch bei, dass oft keine Fotos gemacht werden dürfen. (dpa/mp)

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