Trulsens St. Pauli-Highlights: Als bei der Team-Besprechung noch Bier bestellt wurde
André Trulsen und der FC St. Pauli – das ist eine ganz innige Beziehung. Mit 409 Einsätzen ist der aktuelle Co-Trainer von Jos Luhukay der Rekordspieler des Kiezklubs. In der MOPO schildert der 54-jährige Hamburger seine sechs Highlights, erzählt von den aufregendsten Momenten seiner braun-weißen Karriere.
Mein erstes großes Erlebnis hatte ich, als ich noch gar nicht beim Verein war. Der damalige Manager Hermann Klauck wollte mich 1986 vom SV Lurup holen, besorgte mir für meinen Vater Thade und mich eine Karte für das Aufstiegsspiel zur 2. Liga gegen Rot-Weiss Essen. Ich war also als Zuschauer am Millerntor, zitterte mit St. Pauli und auch für mich selbst, weil ich innig hoffte, dass es tatsächlich klappt, denn ich wollte so hoch wie möglich spielen – am liebsten bei St. Pauli, in meiner Stadt. Das Millerntor war zwar nur halb voll, aber die Stimmung war grandios. Da spürte ich das erste Mal das Kribbeln, das mich bis heute nicht losgelassen hat. St. Pauli gewann 3:0, der Aufstieg war perfekt, und ich bekam einen Dreijahresvertrag und war als junger Bursche total glücklich und aufgekratzt. Da ahnte ich noch nicht, was ich für eine wunderschöne Zeit bei St. Pauli verbringen würde.
Highlight zwei: Der Bundesliga-Aufstieg 1988
Der schönste Aufstieg von insgesamt fünf war mein erster. In meiner Debüt-Saison 1986/87 scheiterten wir in der Relegation noch gegen Homburg, ein Jahr später war es aber so weit. Durch das 1:0 in Ulm waren wir oben. Das war ein Wahnsinnsgefühl. Wir waren oben – mit lauter Hamburger Jungs wie zum Beispiel Jürgen Gronau, André Golke, Dirk Zander und mir. Die anschließende Party war wie ein Rausch. Ich werde nie vergessen, wie unsere Fans den Hamburger Flughafen stürmten, mit einem Doppeldeckerbus und einem Auto-Corso unserer Anhänger durch Hamburg fuhren – mit höchstens fünf km/h. Und dann ging es im „Saitensprung“ weiter. Weil unsere Fans nicht mit reinpassten, haben wir ihnen Bier und andere Getränke nach draußen gebracht. Wir waren eine große Familie. Wir spielten drei Jahre hintereinander in der Bundesliga – die längste Zeit bisher. Es sind damals enge Freundschaften entstanden – mit Jens Duve und Klaus Ottens halten sie bis heute.
Highlight drei: Das alte Klubhaus mit St. Pauli-Willi & Co.
Das alte Klubhaus war ein faszinierendes Zuhause für uns Spieler und Fans. Heute ist es unvorstellbar, wie wir uns dort auf ein Spiel vorbereitet haben. Wir hatten im hinteren Raum unsere Besprechungen, mussten uns konzentrieren und lauschen, was der Trainer sagt. Dann hörtest du plötzlich Gejohle rund um den nahen Tresen und ständige Bestellungen: „Mach mal noch ein schönes Bier fertig.“
Zwischendurch machte sich St. Pauli-Willi mit seiner Fanfare bemerkbar, trötete, was das Zeug hielt, und grölte: „Ich bin die Nummer een hier.“ Keinen störte das. Auf dem Weg zu den Kabinen gab es viele Schulterklopfer: „Jungs, haut sie weg!“ Auch hinterher feierten wir im Klubhaus, tranken Bier mit ihnen. Das schmeckte auch besonders gut in der Küche von Klubwirtin Brigitte. Da ist es dann in geselliger Runde mit einigen Mitspielern sowie Zeugwart Claus Bubke und Masseur Ronald Wollmann oft auch ein bisschen später geworden.
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Highlight vier: Ein Tor im Heimspiel gegen Jena
Natürlich habe ich als Abwehrspieler auch gern Tore erzielt. An einige erinnere ich mich besonders gern. In der Saison 1997/98 lagen wir zu Hause gegen Jena bis kurz vor Schluss 0:1 hinten, das Spiel schien verloren. Doch unsere Fans peitschten uns nach vorn. In der letzten Minute geschah das kleine Wunder. Ich erzielte den Ausgleich, Youri Savitchev das 2:1. Es war großartig, nach dem Abpfiff die Fans so glücklich zu erleben. Es war mir immer wichtig, dass sie zufrieden nach Hause gehen. Zwei Tore gelangen mir sogar in der Bundesliga – beim 3:4 gegen den HSV im Volkspark. Ich hatte sogar noch das 4:4 auf dem Fuß, geriet aber in Rücklage. Darüber ärgere ich mich heute noch.
Highlight fünf: Der Bundesliga-Aufstieg 2010
Der Bundesliga-Aufstieg 2010 hat vor allem deshalb so viel Spaß gemacht, weil es eine gewachsene Truppe war, von denen viele bereits in der Regionalliga dabei gewesen waren. Wie beispielsweise Fabio Morena, Marcel Eger oder Florian Lechner. Dazu klasse Typen wie Fabian Boll, später kam Marius Ebbers dazu.
Holger Stanislawski war als Trainer ein Menschenfänger, und er hat die Jungs als Spieler und Menschen besser gemacht. Ich durfte ihn während seiner Trainerausbildung einige Monate unter der Woche ersetzen. Das war kein Problem, weil die Mannschaft perfekt mitgezogen hat. Für uns alle war die Party auf dem Spielbudenplatz mit Zehntausenden unserer Fans die Belohnung für eine perfekte Saison. Ein Gänsehaut-Moment, da oben auf dem Balkon zu stehen.
Highlight sechs: Die Derby-Siege gegen den HSV
Gefreut haben mich immer die Siege gegen den HSV – aus rein sportlichen Gründen. Zum Beispiel das 1:0 2011. Noch mehr genossen aber habe ich die beiden 2:0-Siege in dieser Saison. Die waren historisch, weil es zwei erfolgreiche Spiele gegen die Rothosen in einer Saison so lange nicht mehr gegeben hat. Unsere Mannschaft hat das in beiden Spielen klasse gemacht, verdient gewonnen. Ein HSV-Hasser bin ich dennoch nicht. Als kleiner Junge habe ich für Kevin Keegan geschwärmt, war im Stadion. 1986 wollte mich Trainer Gerd-Volker Schock zum HSV holen, allerdings zu den Amateuren. Aber ich bin froh, dass ich beim FC St. Pauli gelandet bin. Das ist der Klub meines Herzens.