Ankerherz-Kolumne

Noch nur Simulation, aber bald bestimmt Realität in unseren irren Zeiten: ein Frachter mit Flüssigsalzreaktor. Foto: hfr

Atom ahoi oder: Warum heute alles möglich ist

Einige Monate ist es her, dass ich meine Kolumne vom Meer über atombetriebene Frachtschiffe schrieb. Hapag-Lloyd-Chef Rolf Habben Jansen hatte diese Idee ins Gespräch gebracht und seinerzeit gefordert, dass es „keine Denkverbote“ geben dürfe.

„Atom ahoi“? Das sorgt bei manchen Lesern garantiert für spontane Hitzewallungen. Nicht nur Sicherheitsexperten fragen sich, wie diese Schiffe eine Durchfahrterlaubnis für Passagen wie Suez- oder Panamakanal oder die Elbe bekommen sollen. Oder was eigentlich passiert, wenn ein Reaktor sinkt?

Dass es dennoch eine Perspektive für atombetriebene Containerfrachter gibt, ist seit diesem Monat klar. Die südkoreanische Werft „HD Korea Shipbuilding & Offshore Engineering“ – die zum weltgrößten Schiffbaukonzern gehört – hat auf einer Messe in Houston, Texas, ein Konzept vorgestellt, für das in den USA angeblich schon eine Genehmigung vorliegt.

Ein Flüssigsalzreaktor soll das Schiff befeuern

Simulationen zeigen einen Großcontainerfrachter der zweitgrößten Kategorie. Die Brücke ist, anders als bei den meisten „dicken Pötten“ heutzutage, vorne am Bug; insgesamt bietet das Schiff für 15.000 Standardcontainer Platz. So weit, so langweilig. Interessanter ist, was unter Deck geplant ist: Ein Flüssigsalzreaktor (engl. molten-salt reactor) soll das Schiff befeuern.

Statt mit Uran läuft ein solcher Reaktor mit Thorium und wird durch flüssiges Salz gekühlt. Experten gilt die Technologie als insgesamt sicherer als ein Druck- oder Siedewasserreaktor. Neu ist die Idee nicht. Kritiker weisen entsprechend lange darauf hin, dass auch in diesem Fall nuklearer Abfall entsteht, der als Terrorwaffe verwendet werden könnte.


Stefan Kruecken hfr
Stefan Krücken

Der Autor: Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (www.ankerherz.de). Vorher war er Polizeireporter für die „Chicago Tribune“, arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie „Max“, „Stern“ und „GQ“ von Uganda bis Grönland. Sein neues Buch „Das muss das Boot abkönnen“ gibt es im MOPO-Shop unter mopo.de/shop. Weitere Bücher gibt es im Ankerherz-Shop – zum Beispiel „Das kleine Buch vom Meer – Helden“ oder „Mayday – Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze“.

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Doch alles scheint möglich in dieser Realsatire, in der wir 2025 leben. Warum also nicht auch Atom auf See? Sollen sich künftige Generationen drum kümmern, wer den Müll rausbringt. Thorium hört übrigens nach knapp 500 Jahren auf, gefährlich zu strahlen.

Der Druck auf die Seefahrtsbranche, in einem Vierteljahrhundert emissionsfrei unterwegs zu sein, ist enorm. Ein chinesischer Werft-Konzern entwickelt ein noch größeres Atomschiff mit Raum für 24.000 Stahlkisten, und auch in Norwegen werden ähnliche Pläne vorangetrieben.

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Knapp 160 Atomschiffe gibt es weltweit, meistens Kriegsschiffe wie Flugzeugträger und ein paar Eisbrecher unter russischer Flagge. Bislang scheiterte die Energieform an großen Kosten, noch größeren Fragezeichen in puncto Sicherheit und der Kleinigkeit, dass kein einziger Hafen ein solches Schiff an seinem Kai wissen wollte.

Stellt sich die Frage nach einer Einlauferlaubnis in naher Zukunft im Hamburger Hafen? Trotz allem? Mich wunderte jedenfalls nichts mehr.

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