Die letzte Reise der „SS United States“
Für manchen war sie nicht nur das schnellste, sondern auch das eleganteste Schiff der Welt. Dem Schiffbauingenieur William Francis Gibbs war eine Linie gelungen, die den 302 Meter langen Oceanliner schnittig aussehen ließ wie eine Rennyacht.
Schon auf ihrer Jungfernreise pulverisierte die „SS United States“ im Juli 1952 den Rekord für die schnellste Atlantiküberquerung. Von New York City bis zum Bishop Rock Lighthouse vor der Küste von Cornwall benötigte sie nur drei Tage, zehn Stunden und 40 Minuten. Durchschnittsgeschwindigkeit: 36 Knoten, also etwas über 66 km/h. Das brachte damals das „Blaue Band“ und eine Bestmarke, die vielleicht für immer gilt.
Marilyn Monroe, John F. Kennedy oder Walt Disney sorgten für Glamour
Die „SS United States“ konnte rückwärts fast so schnell fahren wie die „Titanic“ vorwärts – und im Kriegsfall hätten 14.000 Soldaten an Bord gepasst. Mehr als 800-mal kreuzte sie den Atlantik und lief neben Le Havre und Southampton immer wieder Hamburg, regelmäßiger aber den Auswandererhafen Bremerhaven an.
Für Glamour sorgten Passagiere wie Marilyn Monroe, John F. Kennedy oder Walt Disney; 1963 transportierte das Schiff die Mona Lisa zu Ausstellungen in den USA. Knapp 2000 Gäste wurden an Bord von 1044 Crewmitgliedern betreut. Ein großes Schiff, aber kein schwimmender Plattenbau.

Der Autor: Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (www.ankerherz.de). Vorher war er Polizeireporter für die „Chicago Tribune“, arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie „Max“, „Stern“ und „GQ“ von Uganda bis Grönland. Sein neues Buch „Das muss das Boot abkönnen“ gibt es im MOPO-Shop unter mopo.de/shop. Weitere Bücher gibt es im Ankerherz-Shop – zum Beispiel „Das kleine Buch vom Meer – Helden“ oder „Mayday – Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze“.
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Doch mit den Jets, die schneller und billiger den Ozean querten, ging die goldene Zeit der Oceanliner zu Ende. 1969 stellte man die alte Dame außer Dienst – und ein trauriges Kapitel begann. Jahrzehntelang lag sie an einer Pier in Philadelphia und vergammelte über diversen Rechtsstreitigkeiten und folgenlosen Investorenversprechen.
Nun hat das Schiff seine letzte Reise angetreten. Erste Etappe: ein Dock von Mobile, Alabama. Mehr als ein Jahr wird es dauern, gefährliche Materialien aus dem Inneren zu entfernen, darunter Treibstoff, Farbe, Asbest und andere Schadstoffe. Alles, was sich unter Wasser zersetzen könnte – elektrische Komponenten, Kabel und Motorteile mit Öl – wird ebenfalls entsorgt.
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Dafür werden Gänge und Öffnungen erweitert und Löcher in den Rumpf geschnitten – denn das soll die letzte Funktion sein: ein Taucherparadies. Im Golf von Mexiko (den wir selbstverständlich weiter so nennen, egal, was ein orangefarbener Möchtegern-Mussolini möchte) wird der Oceanliner 20 Seemeilen vor Walton Beach in Florida versenkt.
Die Behörden hoffen, dass das „weltweit größte künstliche Riff“ nicht nur Fische und allerhand Meeresbewohner, sondern eben auch Taucher anlockt. Der einst stolze, schnelle, elegante Oceanliner „SS United States“ endet auf dem Grund der See.
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