Zlatko

Zlatko Trpkovski wurde in der ersten Staffel zum Star. Foto: Gero Breloer/dpa

Urknall des Reality-TV: Wie „Big Brother“ die Nation bewegte

Vor 25 Jahren verwandelten Normalos in einem Container Trivialitäten zum Ereignis. Im Rückblick wirkt die Aufregung um Zlatko und Co fast putzig – man wusste ja nicht, was noch alles folgen sollte. Am Montag hat eine neue Staffel begonnen.

Thomas Gottschalk und Günther Jauch, Joko und Klaas, Ernie und Bert – das Fernsehen kennt etliche Männer-Freundschaften. Eine ganz besondere begann irgendwo in Hürth bei Köln mit dem Blick auf einen imposanten Kragenbereich. „Als Erstes fiel mir an ihm sein gewaltiger Nacken mit drei dicken Speckrollen auf“, notiert Jürgen Milski in seinen Erinnerungen (Buchtitel: „Ich sag’s“). „Was für ein Typ (…).“

Zlatko Trpkovski und Jürgen Milski wurden über Nacht zu Stars

Der Typ, er hieß Zlatko – und im Jahr 2000 war wohl jede seiner Nackenfalten allein bekannter als viele Promis des Landes. Im Männer-Verbund mit Kumpel Jürgen wurde er über Nacht zum Star. 

Es lief die erste Staffel „Big Brother“, der Urknall des Reality-TV. In diesen Tagen (1.3.) liegt die erste Folge – damals bei RTLzwei – genau 25 Jahre zurück. Aus heutiger Sicht wirkt es surreal, was sie auslöste. 

Wie kam es dazu?

Ein Grund: Die auslaufenden 90er Jahre waren ein Zeitalter ohne Smartphones. Wer in andere Lebenswirklichkeiten blicken wollte, musste den Fernseher anschalten – und „Big Brother“ befriedigte dieses Bedürfnis auf extreme Weise.

Es versprach eine Dauerbeobachtung von normalen Menschen – vom Pickelausdrücken vor dem Spiegel bis zum Nickerchen auf dem Sofa. Zugleich gelang es, die mitunter recht trivialen Vorgänge in einem Container in Hürth zu einer Art Forum für die großen Fragen der Zeit hochzujazzen.

Der Titel deutete die avisierte Relevanz an. Schriftsteller George Orwell hatte den Spruch „Big Brother is watching you“ („Der Große Bruder sieht dich“) in seinem Roman „1984“ zum Synonym totalitärer Herrschaft gemacht. 

„Big Brother“ war damals Unterhaltung in Extremform

Unter der Ägide des niederländischen Show-Erfinders John de Mol deutete der „große Bruder“ nun Unterhaltung in Extremform an. Passend zur sogenannten Spaßgesellschaft, in der sich Deutschland damals wähnte.

„Man hat damals nicht gewusst, dass es so einschlagen würde, wie es dann eingeschlagen ist“, sagt gleichwohl Rainer Laux – damals dabei und noch heute eine wichtige Figur im „Big Brother“-Universum. 

Gerade startet eine neue „Big Brother“-Staffel (Joyn und Sat.1). Sie wird von EndemolShine Germany in Zusammenarbeit mit Rainer Laux Productions produziert.

Der Hit war nicht garantiert

In den Niederlanden sei „Big Brother“ damals schon mit hervorragenden Einschaltquoten und medialer Begleitung gelaufen, erinnert sich der Produzent. „Aber in Holland war und ist die Gesellschaft auch ein bisschen liberaler. Man wusste also nicht, ob es in Deutschland genauso funktionieren würde.“

Das wurde dann aber schnell klar. Die Quoten waren stark, auch am Container entwickelte sich rasch was. „In den ersten Sendungen war dort nichts los“, sagt Laux. „Dann standen auf einmal 5 Fans dort, dann 20, dann 30. Und als Zlatko auszog, waren es auf einmal 10.000.“

Zlatko (Hobby etwa: Playstation spielen) wurde zum Prototypen der neuen Prominenzform „Big-Brother-Star“. Fan-Gemeinden organisierten sich (etwa „Die Zeugen Zlatkos“), um dem Treiben des Industriemechanikers aus Nattheim zu folgen. Zusammen mit Busenfreund Jürgen quasselte sich Zlatko mit urwüchsiger Originalität in die Wohnzimmer der Nation. 

Nur ein Beispiel: Jürgen fragt Zlatko, was er davon halte, „dass Helmut Kohl hetero“ sei. Antwort Zlatko: „Ist mir doch egal. Ist doch sein Ding.“

Ein Wagen, nur von Händen demoliert

Eindrücklich schildert Laux den Abend, an dem Zlatko bei „Big Brother“ rausflog und rund 200 Meter zu einem Studio gefahren werden musste. „Dieser Wagen war danach ein Totalschaden“, sagt Laux. 

„Zwar war seine Sicherheit immer gewährleistet, aber die Menschen, die am Rand standen, hatten das Auto auf diesen 200 Metern mit ihren Händen demoliert, weil sie Zlatko nahe sein wollten.“ Danach habe es auch eine Art Krisentreffen mit Stadt, Feuerwehr und THW gegeben. Man musste sich auf die Menschenmassen vorbereiten.

Drinnen im Container ahnte man derweil nur in Teilen, was draußen los war. „Unsere Vorstellungskraft hat gar nicht dazu ausgereicht, dass wir davon ausgegangen sind, dass das in ganz Deutschland so ein Hype ist“, sagt Jürgen Milski der Deutschen Presse-Agentur. Als Nachzüglerin Sabrina eingezogen sei, habe man sie im Container versucht auszuquetschen. „Hör ma‘, wer guckt das hier? Das ist doch total langweilig. Wir leben doch hier einfach nur. Oder ist das schon abgesetzt worden?“ – das sei sie gefragt worden, sagt Milski.

Menschenwürde – so ein Quatsch

Die Wahrnehmung im Container stand im totalen Kontrast zu der Aufregung drumherum – auch zur Kritik an dem Format. Manch einer prophezeite den Untergang der Zivilisation. Der damalige Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) etwa prangerte von höchster Stelle an, die Show verstoße gegen das Grundgesetz.

Milski hielt und hält das für Mumpitz. Er habe sich ja selbst entschieden, abgefilmt zu werden. „Die Gefangenschaft für mich, die kam eigentlich nachher erst mit diesem Bekanntheitsgrad“, sagt er im Rückblick.

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Und auch die Kandidaten von damals – für Fans ein paar mal genannt: Jana, Zlatko, Manuela, Kerstin, Alex, Verena, Sabrina, Andrea, Jürgen, John – seien doch ganz zahm gewesen. „Wenn man das vergleicht mit den Vollidioten, die heute bei den Reality-Formaten teilnehmen, die wirklich völlig schmerzlos sind und alles machen würden, um Sendezeit zu bekommen“, sagt Jürgen Milksi, „da waren das alles ganz harmlose Charaktere“.

„Big Brother“ hat ihnen den Weg bereitet.

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